Die Großherzöge von Toskana in Schlackenwerth
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Eva Gregorovičová

Als im Jahre 1765 Maria Theresia gemeinsam mit ihrem Sohn Josef II. den sog. Familienfonds zur Sicherung des Erbvergleichs für die Fürsorge und den ständischen Unterhalt der Kinder und Nachkommen der kaiserlichen Familie und des Adelsgeschlechts gründete, konnte sie nicht ahnen, dass ein knappes halbes Jahrhundert später die Erträge aus den Gütern des Familienfonds dabei helfen würden, das vorübergehende Exil ihres zweitgeborenen Enkels, des Großherzogs Ferdinands III. von Toskana und seiner Familie in den schwierigen Zeiten der Napoleonischen Kriege und auch den unwiederbringlichen Verlust der toskanischen Erbbestimmung von Ferdinands Sohn Leopold II. nach 1859 zu überstehen. Der Familienfonds wurde im Laufe der Zeit um die Besitzungen und Herrschaften in verschiedenen Teilen der Habsburgermonarchie erweitert und von der Direktion der kaiserlichen Privat- und Familiengüter mit der Zentrale in Wien unterhalten.

In diesen Vermögenskomplex wurden nach schwierigen Verhandlungen im Jahre 1803 auch die ehemaligen sächsisch-lauenburgischen Herrschaften in Mittel-, Nord- und Westböhmen eingegliedert, die vom österreichischen Kaiser an seinen jüngeren Bruder, den Großherzog Ferdinand III. (1769–1824), einem Exilanten, der 1799 unter dem Druck der Napoleonischen italienischen Armee die Toskana verlassen musste, verliehen wurden. Sein angestammtes mittelitalienisches Großherzogtum, erworben durch seinen Großvater Franz Stephan von Lothringen und Maria Theresia, verlor er im Jahre 1801 für etwa 15 Jahre wegen des Friedens von Lunèville und der Siege Napoleon Bonapartes auf den europäischen Schlachtfeldern. Doch Ferdinands Weg zu den ehemaligen sächsisch-lauenburgischen Gütern in Böhmen und zum Kauf der Herrschaft Schlackenwerth war lang und beschwerlich.

Durch Vermählungen wanderte der mittelböhmische und nordböhmische sächsisch-lauenburgische Vermögenskomplex zuerst in die Hände der bayerischen Herzöge. Die westböhmische sog. Schlackenwerther Gruppe der sächsisch-lauenburgischen Besitzungen ging dagegen im Jahre 1690 durch die Eheschließung der jüngeren Tochter von Julius Franz Franziska Sibylla Augusta bis zum Aussterben der männlichen Nachkommen in den Besitz der Markgrafen von Baden über. Nach dem Aussterben dieses Adelsgeschlechts in der männlichen Linie im Jahre 1771 fielen die westböhmischen Herrschaften als Heimfall an Maria Theresia als Königin von Böhmen. Trotz dessen erwarb Sibyllas Enkelin Elisabeth Augusta die lebenslange Nutzung all dieser Herrschaften. In den Jahren 1783–1789 wurde die Herrschaft Schlackenwerth an die Adelsfamilie Schwarzenberg verpachtet. Ab 1799 blieb das Schlackenwerther Patrimonium ohne direkten Besitzer und wurde von der Hofkammer verwaltet. Im selben Jahr war der Großherzog Ferdinand III. von Toskana, der jüngere Bruder des österreichischen Kaisers Franz II., gezwungen, unter der direkten Bedrohung durch die Napoleonische Armee die Toskana zu verlassen, und ohne dass es irgendjemand geahnt hätte, kam er auf diese Art und Weise schicksalhaft dem Besitz des reichen westböhmischen Dominiums näher, das über ein Jahrhundert im Besitz der Angehörigen der toskanischen Sekundogenitur des Adelsgeschlechts Habsburg-Lothringen blieb.

Im Jahre 1803 wurden die beiden ehemaligen sächsisch-lauenburgischen Gruppen der Patrimonien in Böhmen, durch Vermählungen zwischen die bayerischen Herzöge und die Markgrafen von Baden voneinander getrennt, wieder in einen Grundstückskomplex vereinigt und an die Habsburger abgetreten. Im Jahre 1809 wurden diese sog. toskanischen Güter in die Landtafel als Eigentum der Habsburger eingetragen. Derart rechtlich geregelter Besitz der ehemaligen sächsisch-lauenburgischen Güter wurde gerade rechtzeitig vorbereitet, damit deren Verpachtung als Kompensation dem Großherzog Ferdinand III. von Toskana für den Verlust der Toskana (1801) dienen konnte. So kreuzten sich zum ersten Mal die Schicksale des Ex-Großherzogs von Toskana mit der Herrschaft Schlackenwerth, auch wenn beide Subjekte noch nicht durch das Band des Besitztums verbunden waren. Das Jahr 1803 wurde auch für Ferdinand III. zu einem entscheidenden Jahr, da er nach langen 4 Jahren des unerfreulichen Exils, das er am Wiener Kaiserhof seines älteren Bruders Franz II. verbrachte, nun endlich die Einheit seiner ehemaligen Gebiete erleben konnte. Ihm wurde nämlich das reiche und bedeutende säkularisierte Salzburger Erzbistum verliehen, wo er erneut als souveräner Herrscher mit dem Titel eines Reichskurfürsten regieren konnte. Am 16. März 1803 schlossen beide Brüder eine Familienvereinbarung über die Überführung von Salzburg im Falle des Aussterbens der männlichen Nachkommen der toskanischen Sekundogenitur auf das Habsburger Erzhaus. Letztendlich gelang dem österreichischen Kaiser die Eingliederung Salzburgs in die österreichischen Kronländer, aber unter anderen Umständen, als es der geschlossene Vertrag zwischen den Brüdern vorhersah. Die unruhige Zeit der Napoleonischen Kriege in Europa bot keinerlei dauerhafte Garantien für den Besitz territorialer Komplexe. Große Verschiebungen territorialer Gebiete zwischen den europäischen Mächten nahmen ihren Anfang mit dem Preßburger Frieden, der am 26. Dezember 1805, nach den Niederlagen Österreichs bei Ulm und Austerlitz zwischen den Diplomaten des Kaisers Franz II. und Napoleons ausgehandelt wurde. Österreich musste seine italienischen und deutschen Gebiete abtreten und erhielt dafür Salzburg. Der bisherige herrschende Kurfürst Ferdinand III. von Toskana musste das ehemalige Kirchenfürstentum verlassen und wurde mit einem wesentlich kleineren Gebiet des Würzburger Bistums entschädigt, das zum Großherzogtum erhoben wurde, um dem Titel eines vertriebenen toskanischen Herrschers zu entsprechen. Doch auch dieser Tausch war für Ferdinand III. nicht endgültig. Ansprüche auf das säkularisierte Würzburg machte sich Bayern. Nach schwierigen Verhandlungen zwischen Österreich, Bayern und Ferdinand III. wurde am 25. Oktober 1808 in Würzburg ein dreiseitiger österreichisch-bayerischer Vertrag geschlossen, der die territorialen Veränderungen und die finanzielle Entschädigung für den Ex-Großherzog von Toskana in Höhe von einer halben Million Gulden vertraglich verankerte. Für diese Summe wurde Ferdinand die verpachtete Herrschaft Schlackenwerth zum Kauf angeboten, die mit ihrem Wert die finanzielle Entschädigung bei weitem übertraf. Noch im selben Jahr wurde als zentrales Organ aller toskanischen Herrschaften in Böhmen die toskanische Verwaltung der Güter mit Sitz in Prag eingerichtet. Seit 1811, als es zur faktischen Übernahme der Herrschaft Schlackenwert durch Ferdinand III. kam, oblag die Direktion des Großgrundbesitzes in Schlackenwerth diesem Zentralorgan, und das bis 1847. Im Jahre 1811 war das Schlackenwerther Dominium die weitaus größte Herrschaft der gesamten ehemaligen Schlackenwerther Gruppe der Großgrundbesitzungen. Zum Patrimonium gehörten 3 Städte und 32 Dörfer. Die Erträge der Herrschaft waren relativ hoch und stabil, und das sowohl aus dem territorialen Besitz, als auch aus der Forst- und der Teichwirtschaft und der Brauerei. Allerdings war das Schlossgelände, ehemals ein herrlicher Sitz der Markgrafen von Baden, in einem sehr schlechten Zustand. Nach einem Brand im Jahre 1795 waren die Schlossgebäude nur provisorisch überdacht, die Inneneinrichtung fiel zum großen Teil dem Feuer zum Opfer oder war heruntergekommen, und verödet war auch der ehemals herrliche Schlosspark. Der neue Besitzer Ferdinand III. von Toskana siedelte vor der Rückkehr in die Toskana bis zum Jahre 1814 in seiner Residenz in Würzburg. Das Schloss Schlackenwerth lag nicht in seinem Interessensbereich. Im Prinzip interessierte ihn das Schlackenwerther Dominium nur bezüglich der wirtschaftlichen Erträge und der ökonomischen Gewinne. Nach der Rückkehr Ferdinands III. in das Großherzogtum von Toskana, das der toskanischen habsburgisch-lothringischen Linie vom Wiener Kongress zurückgegeben wurde, wurde die Herrschaft Schlackenwerth über die Verwaltung der toskanischen Güter in Prag aus Florenz verwaltet, und das bis zum Jahr 1859, als Ferdinands Sohn Leopold II. gezwungen war, die Toskana unter dem Druck der politischen Lage in Italien erneut zu verlassen, diesmal jedoch für immer. Ein Asyl für sein unfreiwilliges Exil fand er mit seiner ganzen Familie gerade auf der Herrschaft Schlackenwerth. Der letzte faktisch herrschende Großherzog von Toskana erreichte Schlackenwerth mit Familie und seinem Hofstaat nach einem Kurzaufenthalt am Wiener Hof am 10. September 1859. In seinem Tagebuch hielt er die ersten Eindrücke fest, in denen er seine Bewunderung für das Schloss, die Gartenanlage, die Wälder, die Wiesen, die bewirtschafteten Ackerböden und die mit ewig grünen Bäumen bewachsenen Gipfel seiner neuen Wirkungsstätte zum Ausdruck brachte. Am 11. September fanden zu Ehren der großherzoglichen Familie eine Festmesse und ein Mittagessen mit den versammelten lokalen Vertretern und der Bevölkerung statt. Nach dem ersten Ausflug in die nähere Umgebung äußerte Leopold seine Beziehung zu Schlackenwerth mit den Worten: „Meine Herrschaft wird mir gefallen, ich hoffe, ich werde sie zu einem noch größeren Aufblühen führen. Mir gefällt das Leben auf dem Lande.“ Und diesen seinen Vorsatz setzte er in die Tat um, auch wenn Schlackenwerth nicht zu seiner ständigen Residenz wurde. Im Jahre 1860 erwarb er die Herrschaft Brandeis, die zu seiner ständigen Heimat wurde. Er vernachlässigte die Herrschaft Schlackenwerth jedoch nicht, sondern verwaltete seine Herrschaft ordentlich, rekonstruierte das Schloss und die Parkanlage, förderte die hiesigen Vereine, widmete große Finanzmittel als Subventionen dem piaristischen Studentenwohnheim, der Instandsetzung der städtischen Bauwerke und den Armen vor Ort. Dafür bedankten sich die Vertreter der Stadt, indem sie ihn am 23. Februar 1861 einstimmig zum Bürgermeister der Stadt Schlackenwerth wählten, weitere Wahlen folgten in den Jahren 1864 und 1867. Leopold war auf diese Wahl sehr stolz, was auch aus seinen Worten herauslesbar ist, mit denen er die Wahl kommentierte: „Ich wurde zum Bürgermeister von Schlackenwerth gewählt, es ist ein Ausdruck der Liebe guter Menschen zu mir.“ In Brandeis, wo die Verwaltung der beiden Patrimonien Leopolds ihren Sitz hatte, studierte er sorgfältig alle Berichte über den Zustand der Herrschaft Schlackenwerth, er gab Anweisungen zur Sicherung der Rentabilität des Großgrundbesitzes, als richtiger Wirtschafter kontrollierte er bei seinen Besuchen im Rahmen langer Besichtigungen oder Ausfahrten oftmals alles persönlich, er nahm aktiv an den Sitzungen des Stadtrats oder an Vereinsfeiern teil. Bei einem seiner Aufenthalte verfasste er am 16. Juli 1867 auf dem Schloss Schlackenwerth sein Testament.

Im Testament bestimmte er jedoch nicht, welchem seiner Söhne die Herrschaft Schlackenwerth nach seinem Tod, zu dem es während seines Besuchs in Rom am 29. Januar 1870 kam, zufallen würde. Daher kam es in den Jahren 1870–1872 zu schwierigen Familienverhandlungen zwischen allen männlichen Erben über die Aufteilung des unbeweglichen Vermögens in Böhmen, der Toskana und in Österreich. Schlackenwerth ging schließlich in den Besitz des ältesten Sohnes Leopolds, Ferdinands IV., über, der von 1866 bis zu seinem Tod als Oberhaupt der toskanischen Linie des Adelsgeschlechts Habsburg-Lothringen den Titel des Großherzogs von Toskana nur noch titularisch verwendete. Ferdinand legte bei den Verhandlungen einen enormen Ehrgeiz an den Tag, um die westböhmische Herrschaft zu besitzen. In einem seiner Briefe vom 14. Mai 1871 schrieb er: „Gerade bin ich dabei, die Unterlagen zu Schlackenwerth zu studieren, auch ich bevorzuge den Erwerb dieser Herrschaft, für mich und meine Kinder. Wir haben hier ein bekanntes Schloss, ein gesundes Klima, eine weitläufige Gartenanlage, Beamte und Bedienstete, die bereits im Dienste unserer Familie standen. Sofern ich die Herrschaft Schlackenwerth erwerbe, erwerbe ich zugleich auch mir bereits bekannte Menschen.“ Mit der Unterzeichnung des Vertrags über die Aufteilung des Erbes Leopolds II. im Jahre 1872 geschah dies auch. Ferdinand war auf diese Eventualität bereits vorbereitet. Sofort betraute er den langjährigen Direktor Karl Hartmann mit der Leitung der Herrschaft, die bereits der Verwaltung der toskanischen Güter in Salzburg unterstand. Bald ließ er die Rekonstruktion des Schlosses durchführen, damit dieses den Bedürfnissen seiner Großfamilie genügte, er erneuerte den Schlosspark, ließ eine Melioration des Flusses Bystřice durchführen, kontrollierte die Erträge und die Rentabilität der weitläufigen Wälder, kümmerte sich mit Sorgfalt um die Teichwirtschaft, setzte die Förderung der hiesigen Vereine fort, stellte Subventionen bereit, vergaß jedoch auch die finanzielle Unterstützung der Kirche und des Spitals nicht, verfolgte die Preise der Produkte auf dem Markt, um den Verkauf von Getreide und Futter, Milch und Fleisch analysieren zu können, er beobachtete die Viehhaltung und widmete sich auch den ausgedehnten Jagdrevieren. Noch zu Lebzeiten dachte er auch an die Sicherung des ordentlichen Betriebs der Herrschaft durch seinen Nachfolger. Bereits im Jahr 1903 überführte er daher alle Befugnisse für die Verwaltung seiner Herrschaften in Böhmen (Schlackenwerth), Österreich und der Toskana auf seinen Sohn Josef Ferdinand. Der junge Erzherzog, der zu der Zeit als Befehlshaber der Besatzung in Olmütz (heute Olomouc) diente, bekam von Kaiser Franz Josef I. bereits im Jahre 1899 einen Jahresurlaub, um sich mit der Führung unbeweglicher Güter bekanntmachen zu können. Dank dieser Erfahrungen konnte er nach dem Ableben seines Vaters im Jahre 1908 als Erbe die erwähnten Herrschaften übernehmen, und das mit einer relativ genauen Vorstellung über deren Funktionieren. Er führte jedoch weder die Herrschaft Schlackenwerth noch ein anderes Patrimonium selbst, das alles übernahmen seine Verwaltungsmitarbeiter in Salzburg. Josef Ferdinand gab seiner militärischen Karriere in der österreichischen Armee den Vorzug. Nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 wurde mit dem Erlass des Landwirtschaftsministeriums vom 29. April 1919 auch das Schlackenwerther Dominium, als Vermögen von Angehörigen des Adelsgeschlechts Habsburg-Lothringen, unter Zwangsverwaltung gestellt. Laut den im Jahre 1919 in Saint Germain und im Jahre 1920 in Trianon geschlossenen Friedensverträgen fielen alle ehemaligen beweglichen und unbeweglichen Habsburger Güter dem neu gegründeten tschechoslowakischen Staat zu. Auf der Grundlage der Artikel der Verträge, welche den Ersten Weltkrieg am 12. August 1921 beendeten, wurde der Entscheid über die Konfiskation des habsburgischen Vermögens auf dem Gebiet der Tschechoslowakei durch das Gesetz Nr. 354 Slg. gesetzlich verankert. Mit diesem Akt wurde das Kapitel der Geschichte der Großherzöge von Toskana als Besitzer der Herrschaften in Böhmen endgültig abgeschlossen. Dennoch blieben die Spuren ihres mehr als einhundertjährigen Wirkens in der Bautätigkeit ihrer Residenzen und in den umfangreichen Kunst- und Büchersammlungen weiter sichtbar, die heute im Nationalmuseum und im Schloss Konopiště aufbewahrt werden. Das wichtigste Zeugnis für das Studium der Geschichte des Adelsgeschlechts ist jedoch in den Dokumenten des Familienarchivs der Großherzöge von Toskana eingetragen, das sich im Nationalarchiv in Prag befindet.

 

smycka 1000Der gesamte Inhalt wurde aus der Broschüre ISBN 978-80-260-9764-8 entnommen.

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